Maniac Tour 11 Tage (Tembaine, Lac Rechet, Ksar Gilhane)

Oktober 2012 – die Expedition beginnt…

In Heidenheim versammeln sich sechs Unerschrockene, um sich auf den Trip ihres Lebens zu begeben: Eine Forschungsreise durch die tunesische Sahara, vom Jebel Tembain zum „Verlorenen See“, über den Brunnen Bir el Mide zur Oase Ksar Ghilane.

Schon bei der ersten Vorbesprechung werden lebensnotwendige Dinge erlernt, wie das Öffnen einer Flasche Rotwein mittels Schraube und Akkubohrer. Auf der Fahrt zum Flughafen hingegen eine eindrucksvolle Demonstration, dass man sich nicht auf technische Geräte verlassen sollte: mitten auf der Autobahn bittet uns die Dame im Navigationsgerät mit entschuldigender Stimme „In 120 Metern SCHARF rechts abbiegen“. Dennoch schaffen wir es zum Flughafen. Beim Einchecken der nächste Test für Expeditionsteilnehmer: Kommunizieren mit Sprengstoffkontrolleuren. Die „explosive“ Dinkel-Vollkornmehl-Brotbackmischung war noch im Handgepäck!

Auch in Zafraane bei Mohammed zuhause angekommen, dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir scheinen in einem Bootcamp zu sein. Mit Schlafverbot. Aus der Ecke schnarcht es. Die ganze Nacht. Ohne Pause. Zum Glück sind wir ab morgen in der Wüste – und die ist groß… Doch nun scheinen wir würdige Beduinenanwärter zu sein – es geht los! Nach einem leckeren Frühstück mit Mohammeds Familie und einem kurzen Besuch auf dem Markt von Douz geht es in die Wüste. Eine halbe Tagesreise vor dem Jebel Tembain lagern schon einige Beduinen mit den Kamelen. Nach dem Mittagessen bekommen wir von Mohammed unsere Chechs gebunden. Diese sind auf der Reise auch bitter nötig, nicht nur wegen der Sonne und des Windes, der uns ständig Sand ins Gesicht weht. Nein, Oktober ist auch Fliegenmonat (was uns vorsichtshalber verschwiegen wurde…). Wie viele von den Viechern wir versehentlich gegessen haben, ist nicht belegt.

Dann geht es endlich los. Mohammed, Ahmed und Mabruk begleiten uns, dazu neun Kamele. Es ist heiß, wir sind müde und der Sand fühlt sich an wie Schlick. Den Tembain erreichen wir heute nicht mehr. Nach dem Absatteln der Kamele geht es ans Holzsammeln, danach stoßen wir mit dem ersten Becher Rotwein auf unseren Wüstentrip an – und kurz nach dem Abendessen fallen wir ins Bett.

Die nächsten Tage laufen wir. Schnell. Im Beduinentempo. Vorbei am Tembain, vorbei am Wüstencamp „Camp Mars“, durch immer höher werdende Dünen. In den Pausen verteilt Mohammed schokoladengefüllte Kekse, als wären es Energieriegel. Wir sehen Felder mit großen glatten Steinen, die glänzen als wären sie aus Metall. Oder Wasserpfützen. Eine Fata Morgana? Wir steigen auf den nächsten Dünenkamm – und plötzlich sehen wir wirklich Wasser! Nach zweieinhalb Tagen haben wir den See erreicht! Im Wasser unterhalten wir uns mit einem Deutschen aus einer anderen Reisegruppe, die für die Strecke 5 Tage gebraucht hat. Der Obersandfisch hat das dringende Bedürfnis zu gehen, als wir ungläubig gefragt werden, wer denn unser Reiseleiter sei…

Aber auch wenn wir den See erreicht haben, die Expedition ist nicht zu Ende. Schließlich wollen wir ja noch nach Ksar Ghilane laufen. Nach einer kleinen Meuterei am Abend bezüglich der Geschwindigkeit (wenn es so weitergeht, sind wir am Freitag in der Oase – und unser Flug geht Montagabend) zaubert Steffi am nächsten Morgen ein Glas Motivations-Nutella aus ihrer Tourbox. Schon geht es uns besser. Entspannt packen wir unsere Sachen, bekommen noch einmal Besuch von dem algerischen Kamelhändler, der am Vorabend schon mit am Feuer saß und beobachten den Aufbruch der deutschen Touristengruppe samt Flügelkamel mit Matratzen, Zelten, zugelaufenem Hund (an der Leine!!!) und ohne Chech. Was sind wir froh, mit verrückten Sandfischen unterwegs zu sein.

Nach einem entspannten Lauftag im Touristentempo veranstalten wir einen italienischen Abend. Mit Rotwein und Calzone – gefüllt mit Tomatenmark, Thunfisch, Salami und Käse – die Mabruk fast ins Feuer wirft, weil er findet, so etwas kann man nicht essen.

In der Wüste lernt man, das positive aus allem zu ziehen. Nachts hat es ein wenig geregnet, der Himmel ist bleiern, wir haben leichten Sandsturm – und deshalb weniger Fliegen, juhu! Dafür sehen wir am Abend unseren dritten Skorpion. Wir haben uns eingelaufen, sind nicht mehr so fertig und haben abends endlich Lust zu singen und zu tanzen. Sogar mehrsprachig – Murat und Radieschen auf Englisch, Khalife auf Französisch, Steffi, Matuk und Aisha auf Schwäballgäufränkisch und alle zusammen mit den Beduinen auf Arabisch.

Nach einer unruhigen Nacht, während der uns mehrere Jeeps fast überfahren hätten (wahrscheinlich wollten die mal gucken, ob da wirklich so verrückte Deutsche durch die Wüste laufen), geht es weiter zum nächsten Punkt: dem Brunnen Bir el Mida. Wir kommen schon gegen Mittag an und schlappen nach dem Essen wie Campingurlauber auf dem Weg zu den Waschräumen mit Handtüchern, Duschgel und Bürste bewaffnet zur „Dusche“. Und dort, mitten im nichts, neben dem Brunnen, steht ein Café. Mit Cola in Flaschen, Cola in Dosen und Fanta. Für 5 Dinar. Aber das haben wir uns verdient! Genauso wie die Dusche – bzw. die Haarwäsche von uns Mädels. O-Ton Steffi „Wenn ihr euch da im Bikini hinstellt und duscht, ploppen aus den ganzen Dünen die Beduinen raus.“

Auch an den nächsten Tagen laufen wir nur vormittags. Die Nachmittage sind gefüllt mit Henna-Malereien, Cappuccino-Trinken, Ratschen und Singen (You are so beautyful to meeeeeee). An den Abenden gibt es unter einem grandiosen Sternenhimmel Rotwein mit Bergkäse, Datteln, Ramazotti aus selbst gebastelten Zitronen-Hälften-Schnapsgläsern und Shisha. Langsam werden wir zu echten Nomaden. Der Tabak ist verschwunden, also mischen wir uns selbst einen aus zerkrümelten Marlboro, zwei Päcken Heiße-Liebe-Tee und Honig. Riechen tut er zumindest gut…

Sogar unseren „Buben“ merkt man an, dass sie uns nicht mehr für Touristen halten: an einem Vormittag treffen wir die deutsche Reisegruppe wieder – und alle drei Beduinen drücken die Führstricke ihrer Kamele einer von uns Mädels in die Hand und veranstalten mit Murat, Khalife und Matuk ein Wettrennen die Dünen hinauf. Mohammed erzählt uns, dass die Damen aus der anderen Gruppe fast alle wundgeritten sind und keine Lust mehr haben. Hoffentlich konnten sie trotzdem wie wir die Faszination der Wüste erleben.

Kekspause, Sonntag vormittag: geschafft! Wir können Ksar Ghilane sehen! Doch scheinbar hat niemand das Bedürfnis, schnell anzukommen. Wir trödeln herum, keiner will die Sahara verlassen. Wir überlegen, einfach den gleichen Weg nochmal zurück zu laufen… Aber dann sind wir doch froh, am Ziel zu sein. Komplett mit Klamotten und Chech springen wir ins warme Wasser. Unsere Expedition ist geglückt! Wir sind stolz auf uns – und belächeln müde die seltsamen Kommentare von den Touristen in der Oase.

Am Abend spürt man den Abschiedsschmerz. Aber vielleicht liegt die gedrückte Stimmung auch daran, dass kein Rotwein mehr da ist. Schließlich haben wir schon am Vortag den letzten Rest der mitgebrachten 40 Liter getrunken – oder wie viel sind nochmal 4 Kanister á 5 Liter?

Dann das letzte Frühstück in der Wüste, mit der lustigen zähflüssigen Büchsenmilch, dem leckeren scharfen Senf, den letzten nervigen Fliegen – I believe I’m a fly…
Wir singen zum Abschied unsere Version des Beduinenliedes „Allah allah, ya baba“ und überreichen die Geschenke. Mabruk und Ahmed satteln die Kamele, sie ziehen zu Fuss zurück nach Zafraane, Mohammed wird mit dem Auto abgeholt. Dann kommt unser Taxi und bringt uns zurück in die Zivilisation. Eine ganz besondere Reise ist zu Ende. Wir durften die Wüste auf eine Art erleben wie nur ganz wenig andere Menschen, zusammen mit den besten Beduinen der Welt. Und wir sind uns sicher: es wird ein nächstes Mal geben!

Bei Nieselregen kommen wir morgens um 3 Uhr in Heidenheim an – und Ralph verschluckt eine Fliege…

– Bericht von Oktober 2012, Judith & Markus Pezold

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